In der Debatte um die Industrie 4.0 und eine mögliche Verknüpfung von Digitalisierung und nachhaltigem Wirtschaften kursieren seit längerer Zeit verschiedene Meinungen über mögliche Zukunftstrends. Absolute Transparenz durch Blockchain-Technologien, Echtzeit-Audits bei Zulieferern oder die eigenständige Übernahme und Weiterentwicklung von Geschäftsprozessen durch künstliche Intelligenz – derartige Utopien bestehen, genaue Prognosen dazu traut sich jedoch kaum jemand zu und auch den klaren Durchblick scheinen die wenigsten zu haben. Grund genug, einen Blick auf die Möglichkeiten der Digitalisierung für nachhaltiges Wirtschaften zu werfen, die nicht in ferner Zukunft liegen, sondern in vielen Fällen schon längst Realität sind.

Um einen Einblick in aktuelle Entwicklungen rund um dieses Thema zu bekommen, unterhielten wir uns mit Sylke Freudenthal, Beauftragte für Nachhaltige Entwicklung bei Veolia Deutschland, über den Einsatz von digitalen Lösungen zur Unterstützung des nachhaltigen Wirtschaftens seiner Kunden.

Durch den speziellen Fokus des Unternehmens auf Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft sieht Sylke Freudenthal den Vorteil der Digitalisierung vor allem in einem Punkt: »Die Potenziale der Digitalisierung liegen aus unserer Sicht in dem Gewinn an Detailtiefe und Umfänglichkeit in der Analyse von Daten und der darauf basierenden Steuerung von Prozessen. Das führt letztlich zu mehr Effizienz. Zudem ermöglicht Digitalisierung das Vernetzen von Akteuren und damit das Generieren zusätzlicher Synergien.« Im Rahmen verschiedener Projekte und durch die Entwicklung von auf Kundenwünsche zugeschnittenen Softwarelösungen setzt Veolia an verschiedenen Punkten an, um nachhaltige Entwicklung zu unterstützen: »Unser Kundenportal bietet einen Zugang zu professionellen Entsorgungsdienstleistungen und deren Abwicklung – das ist ein wichtiger Impuls für höhere Recyclingquoten. Ähnlich erleichtert und dokumentiert unsere Software DAVIG in Industrieunternehmen die sortenreine Trennung und Wiederverwendung verschiedener Wertstoff-Fraktionen.« Des Weiteren entwickelte das Unternehmen eine Plattform, die smartes Monitoring, Analyse und Optimierung für industrielle Energieeffizienz und Ressourcenmanagement zusammenführt: das Hubgrade. »Wir können damit ausgewählte KPIs zu Wasser-, Energie- und Materialflüssen in Echtzeit an unterschiedlichen Standorten dynamisch überwachen und entsprechende effizienzsteigernde Maßnahmen ableiten. Vom Erstellen individueller Berichte über Benchmarks, Auswertungen von KPIs, Datenanalysen bis zu Alarmmeldungen und konkreten Einsparmaßnahmen deckt Hubgrade alles ab«, ergänzt die Beauftragte für Nachhaltige Entwicklung. Die Vision von kompletten Nachhaltigkeitsberichten in Echtzeit hält sie zwar für etwas zu weit gedacht, für bestimmte Kennzahlen wie Treibhausgas-Emissionen, Energiekosten oder die Entwicklung der Energieeffizienz erachtet sie die Echtzeitüberprüfung jedoch durchaus als praxistauglich.

Ökologische Implikationen berücksichtigen

Einen der Hauptvorteile durch den Einsatz dieser neuen Technologien sehen viele Unternehmen vor allem im Faktor Transparenz – sowohl in der externen Kommunikation wie auch in der internen Nachverfolgbarkeit der Geschäftsprozesse. In dieser Hinsicht stehen auch weitere, aktuell viel diskutierte Entwicklungen wie beispielsweise die Blockchain-Technologie unter Beobachtung von Veolia. »Darin steckt aus unserer Sicht das Potenzial für disruptive Innovationen auch in unseren Geschäftsfeldern«, räumt Freudenthal ein. Der Grundtenor des Unternehmens ist im Hinblick auf Experimente mit Blockchains jedoch noch distanziert, unter anderem wegen der damit verbundenen ökologischen Implikationen: »Was uns eher verwundert, ist die unkritische Betrachtung des enormen Energieverbrauchs, den eine breite Anwendung der Technologien mit sich bringen würde. Solange wir noch nicht zu hundert Prozent auf der Basis erneuerbarer Energien arbeiten, steckt darin ein hohes Klimarisiko. Zudem sind eine Reihe weiterer, insbesondere juristischer Fragen bislang unbeantwortet«, betont Sylke Freudenthal. Grundsätzlich sieht sie großes Potenzial in der Digitalisierung für nachhaltige Entwicklung, vermisst dabei aber die ökologisch-kritische Auseinandersetzung damit. »Digitalisierung ist zwar transformativ, aber nicht per se nachhaltig. Vielmehr sollte Nachhaltigkeit stets als strategische Orientierung und auch als normative Referenz für Digitalisierungsprozesse dienen«, fügt sie hinzu.

Verdrängung von Arbeitsplätzen: für Veolia kein Dilemma

Im Hinblick auf die häufig geäußerte Befürchtung, die Digitalisierung würde Arbeitsplätze vernichten, zeigt sich Sylke Freudenthal gelassen. Dass in Zukunft ein Teil der Arbeitsplätze Algorithmen, Softwarelösungen und Maschinen zum Opfer fallen wird, sieht sie nicht als Dilemma, sondern als Upgrade der Arbeitsplätze. »So erproben wir beispielsweise den Einsatz von Automatisierungstechnik im Bereich Produktion und Transport in Kooperation mit einem Start-up. Dabei ist es unser Ziel, unsere Beschäftigten von monotonen, repetitiven Aufgaben zu entlasten und sie für hochwertigere, abwechslungsreichere Tätigkeiten einzusetzen«, erklärt sie.

Wenngleich der Einsatz der Digitalisierung für manche Berufsfelder Erleichterung von monotonen Aufgaben mit sich bringen mag, so muss in dieser Debatte auch an Beschäftigte gedacht werden, die aufgrund mangelnder Qualifikation kein Upgrade auf stärker spezialisierte Tätigkeiten erlangen werden, sondern schlichtweg durch Maschinen, Software oder Algorithmen ersetzbar sein werden. In solchen Fällen liegt es auch in der Verantwortung von Unternehmen, den aus der Automatisierung resultierenden Risiken wie Arbeitslosigkeit weitgehend vorzubeugen. Dabei sollten Unternehmen vorausschauend analysieren, welche Aufgabengebiete betroffenen sein könnten, mit den dort Angestellten möglichst frühzeitig ins Gespräch kommen und die berufliche Weiterbildung oder Neuorientierung durch das Angebot an Trainings unterstützen. Sylke Freudenthal hält den öffentlichen Dialog mit allen an solchen komplexen Wandlungsprozessen beteiligten Akteuren für wichtig. »Diese Debatten tragen dazu bei, dass wir uns darüber klar werden, welche Erwartungen die Gesellschaft an verantwortungsvolles Unternehmenshandeln hat.« Denn schließlich sind in unserem aktuellen wirtschaftlichen System Unternehmen notwendig, die es als ihre Verantwortung sehen, Menschen Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen.

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